Identität

Der Körper ist das Ausdrucksmittel der Seele. Die fortlaufende Übersetzung seelischer Impulse in Sprache, Raum und Zeit ist die persönliche Identität. Schon Platon[1] hat deren Prozesscharakter betont. Doch bald schon stösst die Entfaltung der persönlichen Identität auf zunächst unüberwindliche, gesellschaftliche Widerstände. Die Kraft, die dem seelischen Impuls entspringt, wird aufgeteilt, abgelenkt und umgeleitet. Die persönliche Identität findet sich im Gefängnis der sozialen Identität wieder, die sich nicht an der Seele, sondern an gesellschaftlichen Funktionen orientiert. Luhmann spricht von einem kommunikativen Konstrukt [2]. Ich bin Bauer, Verkäuferin, Kind. Ich teile meine Besonderheit mit Tausenden.

 

Die persönliche Identität bleibt unvollständig entfaltet zurück. Die sublimeren Dimensionen, an die sie nicht heranreicht, werden von der sozialen Identität prothesenartig übernommen. So ersetzt zum Beispiel die Gesellschaft den verkrüppelten Sinn für das Heilige, indem sie sich selbst heiligt [3]. Gott ist entthront und milbenartig nistet sich die soziale Struktur im Gewebe der Polsterung ein. Alles scheint zu funktionieren. Die Prothese aber betoniert die Behinderung der persönlichen Identität. Sie lebt von der Kraft, die deren weitere Entfaltung ermöglichen würde. Sie entpuppt sich als Parasit[4]. Die Behinderung der persönlichen Identität aber ist tragender Teil der gesellschaftlichen Normalität. Wer sie nicht vorweisen kann, wird marginalisiert.

 

Die Impulse der Seele wirken sich nun subversiv aus. Wer ihnen hartnäckig weiter folgt, geht als blinder Fleck durch die Welt sozialer Identitäten. Man wird sich mit Etiketten wie Einzelgänger, Sonderling oder Exzentriker behelfen. Letzteres ist besonders lustig. In einzelnen Fällen wird man den Künstler, die Erfinderin, das Genie erkennen. Ihre Ideen erweisen sich teils als nützlich. Meist müssen sie etwas gestutzt und zurecht gebogen werden, um gesellschaftlich funktional zu sein. Meist ist damit dann der Witz weg.

 

Wer den Kontakt zur Seele aufgibt, wird zu einem sehr hungrigen Wesen. Die soziale Identität muss nun laufend bestätigt werden. Inszenierung und Feedback rund um die Uhr und schöpferische Freiheit als Bedrohung. So kommt es zur Illusion der Gruppenidentität, der Corporate Identity. Ich bin Pegida, ich bin Salafist, ich bin Charly Hébdo, ich bin Nestlé und Arsenal-Fan. Rings um mich herum brüllen alle dasselbe. Die Familie ist die Keimzelle des Staates. Das Individuum hat sich im sozialen Körper aufgelöst. Der Dialog bricht ab. Aber Gruppenidentität bleibt eine dünne Staffage, eine Maske, weil wir doch alle – dem Gebrüll zum Trotz – als Einzelmenschen geboren werden und in Dialog treten, vom Honig des Entzückens kosten und sterben, um als einzelne Seelen weiter zu leben.

Und gäbe es die Seele nicht, so müsste man sie erfinden, um dem Würgegriff der Gesellschaft zu entkommen, die ihre Eigeninteressen auf Kosten der Menschen verfolgt.


[1] Symposion 207d-208b

[2] Luhmann 2009

[3] Durkheim 1912

[4] Serres 1987

 

Quellen:

Durkheim, Emile 1912 Les formes élémentaires de la vie réligieuse
Luhmann, Niklas 2009   

 Soziologische Aufklärung

Platon 

Symposion; Über den Eros

Serres, Michel 1987

Der Parasit

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Kommentare: 1
  • #1

    ch'e z- (Dienstag, 01 August 2017 23:50)

    thx to pd dr juerg von ins - with respect and very best wishes

    *...es gibt auch Vater Erde (Gabriel Zuber, fünf jährig, auf einem Spaziergang)
    *Verglichen mit mir bin ich normal - Björk, Island
    *Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen - Jefrosinia Kersnowskaja, Ukraine